GeisterstundenDie drei Spiegel und der vergessene Gesang

Leseprobe: Die 3 Spiegel

1. Kapitel

Junigo

und die Magd Helleding, die in seiner Familie gedient hat

DIE PRÜFUNG

„Liebste Mama“, sprach Junigo eines Morgens, an dem seine Mutter Albgard ihm wie immer ein schönes Frühstück aus Körnerbrei mit Früchten und ein heißes Bier auftischte, „glauben Sie nicht auch, dass eine Handwerkskunst eine Gabe der Göttin ist?“
„Ja, sicher ist sie das“, sagte die Mutter, „alle unsere Götter schenken uns besondere Fähigkeiten, und es ist die Göttin Perthe, die ein Talent für die Schmiedekunst verleihen kann, und dein lieber Vater hatte es, das ist gewiss.“
Albgard, die Witwe des im Krieg gegen die Ming-Ren gefallenen Schmiedes Silfur, strich sich die Haare von der leicht verschwitzten Stirn und schob ein paar Eisenringe über das Herdfeuerloch. Dann reinigte sie ihre Hände mit einem Tuch und setzte sich zu ihrem Sohn, der offenbar endlich ein Interesse an ernsthafter Arbeit fand, nachdem er mit Kriegskunst, als Ladenhelfer im Tuchhandel und mit seinem Liebchen — einer unpassenden Person — mehr Zeit und Energie vergeudet hatte, als Albgard lieb war. Gut, der Tuchhandel, das war wenigstens etwas Ordentliches, aber er sollte doch in Vaters Handwerk nachfolgen.
„Und es freut mich, dass du offenbar gewillt bist weiterzumachen, was unser Freund Demirkol dich zu lehren angefangen hat. Bevor du es wichtiger fandest, dem Mädel nachzusteigen.“ Junigo tat, als hätte er das nicht gehört, und vertiefte sich in den Genuss seines Frühstücks. Danach verabschiedete er sich mit der lässigen Höflichkeit der Brondinger, obwohl seine Mutter die feineren günländischen Manieren vorzog, küsste ihre Stirn und schritt zum Stall, um sein Pferd zu satteln und zur Feste Domuskaya hinüberzureiten. Und das zu wissen, hätte seine Mutter, die ihn auf dem Weg zum Tempel vermutete, gar nicht gefreut.

Es war fast ein Tagesritt, der Altinkent, Junigos Heimat, mit der Burg Domuskaya verband. Junigo ritt fast ohne Pause, strapazierte sein Ross ein wenig und erreichte die Abzweigung zur Burg schon am späten Nachmittag.
Die Handelsstraße, die den kleinen Ort Altinkent mit der Hafenstadt Locamar verband, war von großer Wichtigkeit, und natürlich passierte Junigo hier und da Patrouillen des Gün-Brondischen Königshauses. Sie schauten wohlgefällig auf den Jungen in seinem schmucken Wams, das seine Zugehörigkeit zum Handwerkstand erkennen ließ.

 

Und dann tauchte das düstere Gemäuer der Burg auf, rauchgeschwärzte Steinquader, die von der Uneinnehmbarkeit der Burg ebenso Kunde taten wie von ihrer bewegten Geschichte. Das Königshaus ließ sie leerstehen, es war kein behaglicher Wohnort. Junigo lenkte sein Reittier auf den Pfad, der zur Burg hinaufführte. Der Weg war steil, und mit jedem Schritt schien der Bau bedrohlicher und höher aufzuragen. Weshalb sollten die Götter nicht gerade an solchen Plätzen wohnen? Er konnte sich das sehr wohl vorstellen. Junigo vertraute ihrer Huld, war darum ohne Furcht, ritt unschuldig auf die Burg Domuskaya zu, bis sein Ross nervös wurde und er abstieg und es außerhalb der Mauern festband, außerhalb des Unerträglichen. Auch großes Licht ist bisweilen unerträglich. Damit rechnete Junigo.
Er schaute an den Mauern von Domuskaya hinauf, bis die Wolken, die rasch über die Zinnen dahinzogen, ihn glauben ließen, die Burg stürze gemessen auf ihn zu. Kahl waren die Quader, kein Finger, keine Zehe fände Halt in den Fugen, hätte er sie ersteigen wollen. Doch da, auf halber Höhe, quoll Zierat und wucherte um ein Erkerfenster. Als hätte er im Rausch geschaffen, waren dem Steinmetz Pflanzen und Getier eingefallen, wanden sich Seile um Knäufe, Schlangen und Salamander um diese, brachen Pilze aus Laub hervor und Tentakel aus Algen, schauten einfältige Gesichter von Zwergen befremdet auf dieses Sprießen.Junigo wähnte lebendiges Kriechen im Geschlinge der Stengel und Blätter, ja, da bewegte sich etwas — Hexenwerk? Wurden die Steine lebendig? Gleich darauf lachte er. Eine wirkliche Eidechse suchte nach dem letzten sonnenwarmen Platz. Erleichtert, ein wenig schamvoll, dass er sich so habe täuschen lassen, schritt er durch das Tor, schob beiseite, was seine Mutter vom Umgehen auf Domuskaya geraunt, tat’s ab als Gewäsch und schritt zu Wichtigerem.

Viel wusste Junigo nicht über Domuskaya, nur, dass der Ort auch der „Saufels“ genannt wurde nach den Rotten von Wildschweinen, die das dichte Eichen- und Buchengehölz liebten, das sich bis zum kahlen Gestein hinaufzog. Unterhalb der Burg lag flaches Land, das sanft zum Fluss abfiel und schon vielen Belagerern als Aufenthalt gedient hatte, ohne dass aber den Belagerten je das Wasser ausging, und die Felskammern schienen unerschöpfliche Lager von Nahrungsmitteln zu bergen. Domuskaya war in alten Zeiten die Familienburg einer alten und erschöpften Dynastie gewesen, die einst über die Hafenstadt Locamar unterhalb der Burg geherrscht hatte. Es hieß, sie sei von Krodingern erbaut wurden, von den Kleinen aus dem verwunschenen Volk, die nur noch verborgen lebten. Nachfolger bauten die Burg um, aber hier und da fanden sich Treppen mit viel zu kleinen Stufen für Menschenfüße oder auch Türen, die man nur kriechend passieren konnte. Andere sagten, ein Herrscher hätte seinen Kindern zuliebe diese kleinen Räume aus dem Fels hauen lassen.
Lange stand die Festung leer. Dann war sie von der Herrscherfamilie Gurur-Lichtnis übernommen worden, die kein Interesse daran hatte, sie zu bewohnen. Zu abgelegen und unbeheizbar, sagten sie. Die Festung war erbaut aus Steinquadern, die aus dem Felsen selber herausgehauen waren, auf denen die Burg stand. In dem Hof, der in den Felsen eingetieft war, gab es einen Brunnen, der in keiner Belagerung versiegte. Doch fiel kein Sonnenstrahl in diese Schlucht von einem Hof, und immer stand dort Wasser und wucherte Moos.
Seit achtundzwanzig Jahren zog die königliche Familie die bequeme Residenz oberhalb von Locamar vor. Und so konnte sich zwielichtiges Volk in diesem Mauern einnisten; solange sie die Handelsstraße nicht störten, ließ man sie in Frieden. Aber das Volk raunte, das sei der Beginn vom Untergang. Wer Domuskaya hat, der hat Locamar, sagte man.

 

Eine überraschende Schachpartie

Und plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, war da auch wieder Ratigor und zapfte Bier. Inzwischen war eine Gruppe eingetroffen, ein abgehetzter königlicher Meldereiter und seine ebenso abgehetzte Eskorte, die alle gleichzeitig ein dunkles Bier wollten. Der Fremde — tatsächlich, er war noch da. Er schien nichts zu fürchten. Oder er hatte sich nicht just beim Eintreffen der Meldereiter fluchtartig entfernen wollen, denn die Eskorte bestand aus königlichen Wachen, und die waren mit polizeilichen Sondervollmachten ausgestattet und chronisch neugierig.

Also trat Junigo frech zu ihm an den Tisch und fragte: „Eine Partie Battabord?“
Der Fremde blickte langsam an ihm hoch. Sein Gesichtsausdruck war unbeschreiblich.
Junigo stand neben ihm wie das schlechte Gewissen und wartete.
„Oh, ja, gern“, fasste der Fremde sich dann. Junigo zog das Brett aus dem Regal und den Kasten mit den Figuren und stellte auf. Das Los bestimmte Uridan als Spieler von Weiß.
Junigo klaubte die roten Figuren aus dem Kasten und stellte sie routiniert auf.
Uridan merkte schon beim ersten Zug, dass er es nicht mit einem leichten Gegner zu tun hatte. Bereits nach der ersten Reise des Boten über das halbe Feld konnte Junigo als nächsten Zug mit dem Drachen „Konge!“ drohen, die Botenreise war ein Ablenkungsmanöver gewesen. Aber voreilige Siegesgewissheit birgt ihre Gefahren, er hatte die Magierin nicht gesehen, die ihm das „Konge!“ returnierte und seinen eiligen Rückzug des Drachen vergalt, indem Uridan die rote Magierin kassierte. Jedem gewöhnlichen Spieler hätte dieses Manöver das Genick gebrochen. Aber Junigo war Helledings Schüler im Battabord-Spiel. Ein Schritt mit einem verachteten Sklaven, und er hatte ihm von vorn „Konge!“ geboten. Da half kein Winden und kein Schlenkern, das Schlusswort war „Fal!“

Und Uridan tat etwas, was ihn als Battabord-Spieler eigentlich unmöglich machte: Er kippte das Brett um, als das Fal unwiderlegbar war, und überließ es Junigo und Helleding, die Figuren vom Boden aufzusammeln, während er sich nörgelnd entfernte: Viel eher sei er da gewesen als der Meldereiter, aber zu trinken hätte er nach einem Krug nichts mehr bekommen. Dann scheuchte er Helleding ins Fremden­zimmer und ließ sie seinen schweren Schultersack holen. Ratigor versuchte einzuschreiten: „Herr, es ist doch schon dunkel! Und Sie haben für die Nacht bezahlt!“
„Behaltet’s!“ schnappte Uridan und warf die Tür zu.

Dies war das erste Mal, dass Ilga der Magd Helleding ein Trinkgeld von der Zeche abzweigte.

 
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