GeisterstundenDie drei Spiegel und der vergessene Gesang

Leseprobe: Geisterstunden

ES IST KLAR, WARUM ER DAS ‚CENTRAL‘ GEWÄHLT HAT. Es ist von allen Treffpunkten das einem Wiener Kaffeehaus Ähnlichste. Holzbügel halten Zeitungen. Dunkle Möbel: Einfüßige Tische und Bugholzstühle lassen keinen Schnickschnack zu. Hier werden keine frivolen Modernismen geduldet. An den Wänden hängen gerahmte Fotografien dieser Stadt in den Fünfzigern. Mit langen Schatten versehen, die schwarze Schneisen in die Straßen schlagen. Männer mit Trench und Hut steigen in die Straßenbahn. Frauen mit Strumpfnaht und kleinem Hütchen auf der halblangen Tolle schieben Kinderwagen, die aussehen wie Ufos am Stiel.
Nicole kommt sich zu leger gekleidet vor.
Hätte sie nicht das schmale Mantelkleid im New Look anziehen sollen, das mit großen Revers, enger Taille und Glockenrock? Dazu Pantoletten mit halbhohen Korksohlen tragen und eine Windstoßfrisur?
Stattdessen ist sie in ihrem leicht maskulinen Sommerlook erschienen. Und das ist gut so. Sonst wäre die Kluft zu krass — die zwischen dieser Welt und der, von der er zu ihr spricht.
Er war in Burjätien, erzählt er.
Wo in aller Welt ist das?
Nördlich der Mongolei, südlich des Baikal-Sees, liegt die Republik Burjätien, ein Teil von Russland. Dort war Friedrich längere Zeit, um eine Krankheit durch Fasten auszukurieren, und das gelang. Als er geheilt war, fand er den Anschluss nicht mehr. Es gelang ihm nicht, von dort wegzufahren...
„Vielleicht war Ihre Anwesenheit dort noch nicht erledigt...“
Der Kellner bringt den Kaffee und ein Wasser für Friedrich und den Macchiato für Nicole.
„Das ist richtig, das war der Grund“, bestätigt Friedrich.
Und er erzählt ihr von dem Eremiten. Gawey Gielpo hieß der.
„Die Fastenklinik, in der ich den Krebs besiegt hatte...“
„Das sagen Sie so im Nebensatz...“
„Ja, mach ich. Hören Sie weiter. Die schickten mich zu einem Eremiten in einer Waldklause, denn sie meinten, der müsse meinen Heilungserfolg noch stabilisieren, der könne das. Ich bin also, geschwächt wie ich war, zu ihm in die Waldhütte. Mit nichts als einem Satelliten-Handy und was zu essen im Gepäck. Alles strotzte von Beeren, aber die hast du auch mal über. Einem Bären begegnete ich auch, aber ich erinnerte mich daran, mit ihm zu reden, er ließ sich von meinen guten Absichten überzeugen und trollte sich. Es war tatsächlich leicht, die Hütte zu finden. Gawey Gyelpo wusste schon, dass ich kommen würde, aber dann erfuhr ich, dass er kein Telefon hat. Lange Geschichte kurz gemacht: Ich blieb einige Wochen in der Hütte. Ich lernte einen Gesang, und ich lernte die dazu gehörenden Instrumente zu spielen. Der Gesang ist ein Ritus, um jeden inneren Aufruhr zu besänftigen. Wut, Sehnsucht, Eifersucht, alles das wird als eine Art von Bedürftigkeit gesehen...“
„Wie modern!“
„Ja! Dabei wurde dieser Ritus im 10. Jahrhundert entwickelt. Ich musste dann mit meiner Trommel und Glocke und der Knochentrompete...“
„Wie??“

 

„Ja, eine Trompete, die aus einem menschlichen Oberschenkelknochen gemacht ist. Das Kniegelenk bildet den Schalltrichter.“
„Und warum machen Sie das?“
„Das ist, um meine unsichtbaren Gäste einzuladen. Ich sage ihnen, dass sie sich nicht fürchten sollen. Also, damit ging ich dann in den Wald...“
„Hatten Sie denn keine Angst?“
„Keine Angst zu haben ist ja der Zweck der Übung.“
„Ich unterbreche Sie dauernd, entschuldigen Sie bitte.“
„Versteh ich schon, ich fand das auch aufregend. Ich machte das Ritual also nun im Wald, gewöhnte mich daran, dass Rinder angelaufen kamen, die frei im Wald weideten, erschrak auch nicht mehr, wenn der Bussard mit einem schrillen Schrei über mir auftauchte. Er hört sich wirklich an, als werde jemand erstochen. Aber ich wusste, es ist mein eigener Geist, der mich erschreckt, nämlich die Vorstellung, die ich dabei habe. Der Bussard bedeutet für mich keine unmittelbare Gefahr, denke ich.“ Er lachte.
„Aber kann man das denn trennen?“ fragte Nicole, „das kommt doch spontan, dass man erschrickt und dass Bilder und Vorstellungen auftauchen, dagegen kann man doch gar nichts machen...“
„Übung“, sagte er, „alles Übung. Und nun muss ich Ihnen etwas erzählen, nachdem wir uns schon ein wenig kennen. Ich werde einen netten jungen Mann besuchen, wenn wir unsere Kaffeestunde beendet haben, nämlich den, der diesen kleinen Ritualplatz geschaffen hat, und ich wusste auch gleich, wer Sie sind, Kriegerherz.“
Ihr war, als würde ihr der Kopf in Flammen aufgehen. Ja! Das war doch ihr ‚Indianername‘ gewesen, wie konnte sie das vergessen? Vielleicht hatte sie das verdrängt, weil Kinderspiele den Heranwachsenden so peinlich sind.
„Sie kennen den Puma?“
„Oh ja, ich kenne ihn. Leider ist er im Moment in keiner guten Verfassung.“
„Was ist mit ihm?“ Sie erschrak darüber, dass sie erschrak.
„Ich besuche ihn in der Psychiatrie. Möchten Sie mitkommen? Ich denke, das würde ihm guttun.“
— Oh je, wie kann das sein? Er war ja schon damals ein bißchen verrückt, aber gleich Psychiatrie? —
„Ja, ich möchte ihn sehen“, stimmte sie einem Besuch zu und war dabei nicht so sicher, wie sie das verkraften würde.
Die Fahrt in die Vorstadt wäre ziemlich lang gewesen, wenn sie mit der Bahn gefahren wären, wie er vorschlug. Sie hätte leider kein Auto, sagte sie, und er fragte, ob sie denn einen ganz Fremden mitnehmen würde?
„Doch, so ganz fremd sind Sie mir nicht mehr, und wer mit dem Puma befreundet ist, kann kein ganz schlechter Mensch sein“, lächelte sie.
Wenn das so sei, würde sie vielleicht auch erwägen, mit einem ganz Fremden mitzufahren? Seine Frage kam so bescheiden heraus, als sei es eine Zumutung oder als hätte er sie um etwas gebeten.
„Ha, warum sagen Sie das nicht gleich?“
„Das erschien mir übergriffig.“
„Eine Weltreise per U-Bahn vermeide ich gern“, lachte sie und schwang sich auf den Beifahrersitz seines betagten Mercedes. Sie sprachen wenig auf der Fahrt; sie hatte gefragt, was Martin denn für einen Eindruck mache, aber er entgegnete, es sei sicher besser, wenn sie selber unvoreingenommen urteile.
„Ja, das ist wohl besser“, murmelte sie. Und fürchtete Schlimmes.
Eine ganze Weile schwiegen sie, und sie genoss seine Fahrweise, die sie sanft schaukelte wie ein Kind in der Wiege.
„Sie haben sich lange nicht gesehen, nicht wahr?“ fragte er.
„Stimmt, und das letzte Mal — vor 5 Jahren — war nur eine flüchtige Begegnung unter wenig hilfreichen Bedingungen...“
„Sie waren nicht allein?“
Ein kleiner Ruck ihres Kopfes verriet, dass sie sich einen Blick verkniff.
„Das ist richtig, ich war mit meinem Freund zusammen in der Disko, in der wir uns begegnet sind.“ — ‚Ich werde mit meinem Freund Schluss machen‘, hätte sie fast gesagt und fragte sich in diesem Moment, was ihn das anging.

 

DIE KLINIK LAG IN EINEM PARK, DER ZU EINEM EHEMALIGEN GUTSHAUS GEHÖRTE. Nicole bewunderte die mächtige Lindenallee, die Nebengebäude aus rotem Ziegel, die nun offenbar zu Patienten-Apartements ausgebaut waren. Ein Garten, ein einfaches Selbstbedienungscafé und ein kleiner Shop trugen zur Wohnlichkeit bei. Und schon sah sie Puma. Er hatte den Besuch offenbar erwartet und saß in der Sonne auf einer Holzbank, auf der sich erste Herbstblätter versammelten.
Friedrich schritt forsch in seine Richtung, Nicole folgte zögernd. Sie sah, wie sich Puma langsam und etwas schwankend erhob, wie er ein paar Schritte auf Friedrich zuging, dann umarmten sich die beiden Männer und tauschen ungeniert einen Kuss.
So ist das also.
Ist aber ja keine Überraschung.
Nun näherte sie sich den beiden und konnte den Puma ins Auge fassen. Er sah fremd aus; sein Gesicht war runder geworden und wirkte sehr blass, beinahe grau und unlebendig. Seine Haltung war ein wenig zusammengesackt, so dass er viel älter aussah als er war.„Ja, hier findest du mich wieder, Kriegerherz“, sagte er leichthin, „hast mich sicher anders in Erinnerung.“

 
Romane und Novellen von Yadwiga Passer: Fantastisch, romantisch, mysteriös

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