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Wozu braucht Sprache Inhalt?

Die Reform ist durch, das Unglück ist geschehen, die Sprache nimmt an allen Ecken und Enden Schaden. Täglich begegnen uns die Beispiele. Was also sollte das alles, was nützt es überhaupt? Warum ist das passiert? Mögen die Macher der Reform die deutsche Sprache überhaupt -- oder war sie für sie lediglich ein verstaubtes Archiv, ein altmodisches Chaos? Haben sie sich an ihr gerächt dafür, daß sie Goethe nicht verstehen?

Mir kommt der Verdacht, daß die Reformer nach rein formalen Kriterien vorgegangen sind. Ein Schaustück ihres Gruselkabinetts ist ja die Auffassung, man solle möglichst viele Angleichungen der Vokale vornehmen wie in „Grauen“ – „Gräuel“. Entsätzlich. Gerade die Vielfalt der Vokale ist ein typisches Kennzeichen der deutschen klanglichen Vielfalt (hier dem Englischen sehr verwandt), wenn es um die starken Verben geht. Schon die Abfolge „singen, sang, gesungen“ ist ein Lied in sich. Das beweist, daß die Vokalvielfalt eine Kerneigenschaft dieser Sprache ist. Angleichung ist nicht nur nicht wünschenswert, sie ist ein gravierendes Mißverständnis.

Und es gibt noch mehr Beispiele, daß die Reformer die Sprache überhaupt nicht „abschmecken“ können.

Sonst hätten sie nicht die Mitteilung ignoriert, die im Zusammen- oder Getrenntschreiben liegt, sie hätten nicht den Unterschied zwischen übertragener und wörtlicher Bedeutung ignoriert. Einige Verben beschreiben dynamische Prozesse, die zu einem Ergebnis führen; besonders hier ist das Zusammenschreiben angebracht: blankputzen, naßspritzen, zusammenschnüren u.v.a.
Nun, das ist ja auch inzwischen weitgehend zurückgenommen (weit gehend zurück genommen – wie? Ach, so). Das Umlernen wird dann leichter, wenn Sinn und Verstand nicht aus der Schreibung entfernt werden, sondern wenn genau die bemüht werden, um eine Regelhaftigkeit aufgrund von Fragen selber anwenden zu können, ohne nachschlagen zu müssen, von Fragen, die der Schreiber an die Sätze richtet, von Analysen, die sich von selbst beantworten.

„Wie soll es nur weitergehen?“ – „Wie soll es nur weiter gehen?“ Noch ein Problem: Der Ton verschiebt sich. Schon hört man, daß es nicht dasselbe ist. Aber was tun die Sprecher solcher Sätze, wenn sie diese nach neuer Schreibung (oft auch falsch) vor sich haben? Sie verschieben den Ton! Kein Eingriff in die Sprache? Aber hallo!
Naja, gegen viele Beispiele verwahren sich die Befürworter, denn so ist es auch nach den neuen Regeln nicht richtig. Schaut man aber in die schriftlichen Medien, so versuchen viele, die schreiben, aus einigen neuen Kursangaben Regeln abzuleiten. Sie glauben nicht, was für Versuche von Getrenntschreibung ich schon gesehen haben. „Wir werden daraufhin arbeiten“ statt „wir werden darauf hinarbeiten“. Ja! Gemeint war es sicher nicht so; aber die Reformer haben eine Lawine von absurden Schreibungen losgetreten, für die sie sich nicht verantwortlich fühlen. Es ist aber nun so: Es gibt bei den Menschen ein Bedürfnis, daß Regeln die meisten Fälle abdecken sollen und daß das Nachschlagen die Ausnahme sei.

Die meisten Versuche, die neue Schreibung zu verinnerlichen, schießen über das Ziel hinaus, wenn Schreiber versuchen, Schlußfolgerungen aus den neuen Regeln zu ziehen.

Und das tun sie. Das Bedürfnis ist allenthalben zu merken. Es wäre schön, wenn das möglich wäre. Das setzt aber ein Minimum an Folgerichtigkeit voraus. Diese jedoch fehlt den meisten neuen Vorschriften völlig. Will man die Stoßrichtung der neuen Schreibung analysieren, so scheint sie mir gleichmacherisch, bildungsfeindlich und willkürlich. Orientiert man sich nicht an der Kunst der inhaltlichen Aussage, dann verheddert man sich in rein formalen Regellabyrinthen.
Diese Reform ist von Leuten gemacht worden, die sich nicht die Mühe gemacht haben, der Sprache einen Inhalt zu unterstellen; sie glaubten, man könne rein formal vorgehen.

Es ist bezeichnend, daß die Zufriedenheit der Schulkinder als Argument für die Reform angeführt wird. Das heißt also: Wenn es die Kinder mit ihrer wunderbaren Flexibilität und Lernfähigkeit geschafft haben, diesen von Unlogik strotzenden Quatsch zu verinnerlichen, dann durfte man ihnen auch die bewährte traditionelle Schreibung zumuten, denn die verdauen sie doch erst recht. Wenn sie aber damit Probleme hatten, werden die kaum besser, wenn die Regeln noch unlogischer werden.

Ist die Zeit nicht eigentlich vorbei?

Nein, denn zum Glück wird Deutsch noch geschrieben und gesprochen, und damit ist es niemals vorbei. Wie man die Möbel in einer neu bezogenen Wohnung noch einmal umstellt, bis sie den Gewohnheiten entsprechen, so stellen wir erst nach und nach fest, wo die Ecken sind, an denen wir uns stoßen. Das ganze Ausmaß der Fehlentwicklungen, die durch die falschen Steuersignale der Reformer losgetreten wurden, zeigt sich jetzt erst nach und nach im Gebrauch.

Stand vom 19.03.2009

"Was nicht alle können, das soll keiner können"

Josef Kraus in seiner Kritik der Rechtschreibreform